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Donnerstag, 3. Oktober 2013

Genex 1986 - Geschenke in die DDR

Ran an die Devisen: Genex machts möglich.
Heute geht es – zur Feier des Tages der deutschen Einheit – um Genex. Ein Leser, der als Kind ein Kind des Ostens war, stellte mir freundlicherweise einen Katalog von 1986 zur Verfügung: «Geschenke in die DDR». Das machte mich als Kind des südlichen Südens natürlich neugierig. Besonders, weil der Katalog aus Zürich stammt. Die Schlaumacherei gestaltete sich aber weniger simpel, als erhofft. Aber da vongestern.com allgemein als pädagogisch besonders wertvoll eingeschätzt wird (von mir), soll an dieser Stelle allen ähnlich Unwissenden erläutert werden, was der Zweck der Firma Genex war. Wer nur Bilder anschauen möchte, darf folgenden Text überscrollen. Wer überhaupt nichts anschauen möchte, darf eine Banane essen.

Der DDR fehlte es bekanntlich an allen Ecken und Enden an Geld. Die Ostmark war zwar schön, aber mit ihr konnte man ausserhalb der Grenzen keinen Blumentopf kaufen. Besonders die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) war ganz vernarrt in echtes Geld. So vernarrt, dass sie die harten Devisen eigentlich gar nicht mit der ganzen sozialistischen Bürokratie (a.k.a. Staatsapparat) teilen wollte.

Also gründete man den Genex-Geschenkdienst. Geschäftsmodell: Vermögende Westler kauften ihren Verwandten und Bekannten im Osten Waren, von denen man in der DDR nur träumen konnte. Und (heimlich) vermögende DDR-Bürger, die im Westen (heimlich) Konten besassen, erhielten die Gelegenheit, ihre Devisenvorräte der Partei abzuliefern und auf diesem Weg utopische Wartezeiten für begehrte Ost- und nicht erhältliche Westwaren zu umgehen. Zwei Milliarden Westmark horteten Ostbürger laut Spiegel bei westlichen Banken. Eine Milliarde war damals noch richtig viel und wurde nicht an einem Nachmittag von einem UBS-Banker verzockt.

Ganz einfach war das Unterfangen aber nicht. Der interdeutsche Handel unterstand dem Motto: «Ware gegen Ware» (= «kein Bargeld»). Die normalen DDR-Exporte liefen über die strengen Staatsstellen, die weniger zu Scherzen aufgelegt waren. Die DDR erhielt von Westdeutschland zudem vertraglich vereinbarte jährliche Devisen-Zahlungen. Beispielsweise 1981 85 Millionen DM als «Postpauschale». Diese wurden fällig, weil (aus Sicht der BRD) Postsendungen in die DDR zwar ins Ausland gingen, aber als Inlandsverkehr abgewickelt werden konnte. Zum Vergleich: Genex spülte 1983 180 Millionen DM in die SED-Kassen. Also höchst lukrativ! Im Spiegel (1985) steht zudem, wieso lukrativ nur der Vorname war, denn: «Was die SED-Führung damit anfängt, ist ihre Sache.»

Also: Weil die DDR mit der BRD nicht einfach in die eigenen Tasche geschäften konnte (da zu reglementiert), lagerte man die West-Standorte der Genex ins benachbarte Ausland aus und umging so die Bundesrepublik. Nämlich nach Dänemark - und... genau, in die Schweiz. Die Firmen hiessen Jauerfood in Kopenhagen und Palatinus in Zürich. Diese waren selbstständig und kassierten Provision - zwischen vier und acht Prozent pro Auftrag. Einmal pro Woche schickten sie die Auftragslisten per Luftfracht in die DDR. In der Genex-Zentrale wurden die Aufträge bearbeitet - mit einem amerikanischen Computer, der laut West-Embargo eigentlicht gar nicht in der DDR hätte stehen dürfen. Durch die Computertechnik hatte übrigens auch die Stasi Zugriff auf die Genex-Geschäfte und konnte so schauen, wer welche Kontakte in den Westen pflegte ( = sehr interessant). Die Provision der Schweizer und der Dänen war der SED eigentlich ein Dorn im Auge. Deshalb richtete man in Grenznähe Verkaufszentralen ein, in denen Westbürger und devisenbestückte Ostbürger gegen Cash ordern konnten.

Kurz: Man konnte armen DDR-Bürgern Geschenke zukommen lassen - von der Konservendose bis hin zum kompletten Eigenheim. Besonders begehrt waren Autos. Ein Ostdeutscher wartete bis zu zehn Jahren auf einen Trabi. Via Genex wurde er sofort geliefert. Die Ost-Autofirmen wurden von  Genex mit Ost-Geld bezahlt,  Genex hingegen verlangte Westmark. Und da der Trabi aus dem offiziellen Kontigent abgezügelt wurde, wartete Otto Ost-Normalverbraucher nochmals ein Jährchen länger auf die langersehnte Rennpappe.

Die akribischen Schweizer und Dänen ärgerten sich, wenn bei grösseren Gütern (Autos, Möbel, Autoanhänger, Tiefkühltruhen) die Lieferfristen zu lange waren – denn das schreckte die Kunden im Westen ab. Also mussten die DDR-Firmen auf Parteianweisung sogenannte «Genex-Kontingente» horten. Vor dem Autohaus standen zwar zig Trabis, aber der Händler durfte dem empörten DDR-Kunden nicht erklären, für wen sie bestimmt waren.

Genex war nichts anderes als ein Schwarzmarkt – organisiert von der SED, auf Kosten der DDR-Bürger. Nun ein kurzer Blick in den Katalog (Ausgabe Schweiz) von 1986. Da das Original fast 230 Seiten dick ist, werden nur Ausschnitte gezeigt.































































Kommentare:

  1. Bei uns gab es auch einige sogenannte "Neckermannhäuser", die über Genex gekauft wurden.

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  2. Wieviel hat der Passat gekostet?

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    1. Rund 31'000 Mark http://2.bp.blogspot.com/-TlV7GxR6rfk/Vbk4QfMrFOI/AAAAAAAAPgs/8kA9L_77s6U/s1600/Seite219-passat.jpg

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