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Samstag, 30. April 2011

Die Frau und das Auto, 60er Jahre.

Die Frau und das Auto - man kann sich auch lieben, ohne sich zu verstehen. Geschlechterspezifische Autodiskussionen sind mittlerweile etwas in die Jahre gekommen und haben ihre letzten Rückzugsräume an Stammtischen oder in "ich-so-sie-so"-Abendfüllern von Mario Barth und Michael Mittermeier gefunden. Das schöne Geschlecht parkt heute sogar seitwärts ein (und sei es mit Hilfe des Einparkassistenten). Einfach toll!
Die Entwicklung von der lächelnden Beifahrerin zur selbstbewussten Lenkerin vollzog sich jedoch nicht über Nacht. In den 60er Jahren waren die Rollen noch klar verteilt: Das Auto war Chefsache und Chef der Mann. Ein bequemer Beifahrersitz und ein beleuchteter Schminkspiegel in der Sonnenblende - im Rahmen der Möglichkeiten wurde der Frau jedes nur erdenkliche Zugeständnis gemacht. Der Rahmen: Möglichst Hände weg von Lenkrad und Gaspedal. Dieses liebevolle Verhältnis wird nicht zuletzt deutlich, wenn man Werbung für Autozubehör aus jener Zeit betrachtet und das machen wir jetzt.

Austin 1800 (1965) - wie man diese Anzeige genau verstehen soll, bleibt offen. Hat der Herr seine Angetraute auf die Rückbank verfrachtet, damit sie sich wie ein Staatsoberhaupt chauffieren lassen kann - oder damit er vorne seine Ruhe hat? Sie macht jedenfalls einen zufriedenen Eindruck - verständlich bei soviel Beinfreiheit. Und selbst ihre Handtasche hat im Kofferraum noch Platz gefunden.







Renault 4 (1965) - Beinfreiheit bot auch der R4 ausreichend. Zumindest auf dem Beifahrersitz - also ihrem angestammten Platz. "Sport soll gesund sein. Hart gefederte Autos sind ungesund". Eine für die 60er Jahre typische, klare Aussage.







Klippan Gurte (1965) - Ob Sie so reisen - oder so - oder so - eigentlich egal, Hauptsache neben - und nicht hinter dem Steuer.







Klippan Gurte (1965) - ach ja, die Werbung gab's auch in der Männer-Version. Wer Unterschiede findet, darf sie behalten.







Klippan Gurte (1964) - Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sicherheitsgurte waren damals übrigens alles andere als selbstverständlich. Obligatorisch wurden sie in Deutschland für Vordersitze erst 10 Jahre (1974) später. In der liberalen Schweiz liess man den Lenkern sogar bis 1981 die Freiheit, bei einem Aufprall ungebremst durch die Windschutzscheibe zu fliegen.







Gold-Rad Piccolo (1965) - Sollte sich die Frau der 60er Jahre trotzdem frei und mobil fortbewegen wollen, bietet ein Klapprad Abhilfe. Verstaubar unter einer Käfer-Haube und durch universelle Verstellmöglichkeiten auch von Kindern zu fahren.







Bosch Zündkerzen (1965) - dass es auch anders ging, zeigte Ewy Rosqvist. Die Europameisterin 1962 mischte in der ersten Hälfte der 60er Jahre die männerdominierte Rallye-Szene auf und gewann als Krönung 1962 mit Ursula Wirth im Mercedes 220 SE den Strassen-Grand-Prix von Argentinien. Ganz ohne Richtigstellung der Geschlechter-Verhältnisse kam aber auch diese Bosch-Werbung (1965) nicht aus. "Als Frau am Steuer verlässt man sich in erster Linie auf die Zuverlässigkeit aller Teile seines Wagens". Auf was auch sonst? Auf die eigenen Fahrkünste?







Zahnradfabrik Friedrichshafen AG (1969) - Gegen Ende der 60er Jahre liess man die Frau auch in der Werbung hinters Lenkrad. Mit Einschränkungen. Natürlich gehörte der Mann daneben, der freundlich, aber bestimmt das Geschehen überwachte und notfalls mit einer rettenden Hand eingreifen konnte. Und nicht ganz zufällig geht es in der Anzeige um ein Automatik-Getriebe. "Können Sie trotz ständigem Kuppeln und Schalten unbeschwert fahren?". Die Zielgruppe scheint klar und die Argumente treffend.







Dr. Buer's Reinlecithin (1963) - Konkrete Hilfe für die fahrende Frau wurde jedoch schon ein paar Jahre zuvor geboten: Reinlecithin gegen Stress am Steuer.







AEG Autostaubsauger (1969) - AEG hatte Ende der 60er Jahre einen tollen Autostaubsauger im Sortiment. Einmal angeschlossen am "Zigarrenanzünder" (aka Zigarettenanzünder?) erreichte die fröhliche Hausfrau jede Ecke und Ritze. "Eine gute Geschenk-Idee" - fragt sich für wen. Und mit welchem berechnenden Hintergedanken.







Pirelli (1965) - Seit jeher halten viele Männer das eigene Auto für einen geliebten Menschen. Die Deutschen sind diesbezüglich unangefochtene Weltmeister. So wurde kürzlich erklärt, die Deutschen würden die von der EU forcierten Bio-Ethanol-Gemische so konsequent und beinahe trotzig boykottieren, da man sich nicht vorschreiben lassen wolle, was man dem geliebten Wagen "zu trinken" gäbe. Diesen wunden Punkt erkannte Pirelli schon in den 60er Jahren und sprach bei Reifen prinzipiell von den Beinen des Autos. Eine willkommene Gelegenheit, die Anzeigen mit dekorativen Frauenbeinen zu ergänzen. Autos, Frauen, Bier, Fussball - 80% der Männer interessieren sich für mindestens zwei dieser Sympathieträger. Diese plumpe Pauschalisierung habe ich zwar gerade aus dem Ärmel geschüttelt, aber da sie wahr ist, spielt das keine Rolle.






Pirelli Deutschland hiess übrigens von 1963 bis 1986 Veith-Pirelli. Friedrich Veith (1860-1909) war der Erfinder des Laufstreifenprofils für Fahrräder. Seine Firma wurde von Pirelli übernommen und ab Mitte der 80er Jahre speckte man den Namen im Rahmen einer Neuorganisation wieder ab.

Pirelli Cinturato Gürtelreifen (1969) - Die Sache mit den Beinen war auch 4 Jahre nach den oberen Anzeigen noch aktuell. Ebenfalls aktuell: Die Diskussion Gürtelreifen vs. Diagonalreifen. Erstere haben sich in den 80er Jahren endgültig durchgesetzt und stellen das dar, womit wir heute herumfahren. Der Weg war steinig, die Vorurteile wie bei jeder Neuerung zahlreich. Aber eigentlich ging es ja um Frauen...





Metzeler Monza (1969) - Apropos Frauen und Gürtelreifen:


Fazit: Frauen spielten in den 60er Jahren eine zwiespältige Nebenrolle, wenn es um Autos ging - irgendwo zwischen sinnbefreiter Dekoration und nicht ganz geheuerer Mitfahrerin. Solange Mann die Steuerhoheit nicht abtreten musste, auch immer eine Diskussion wert:

Leserbrief, Auto Motor und Sport, 1969


Kommentare:

  1. Im vorderen Blog-Zug Modeeinerlei eine erfrischende Abwechslung . Weiter so...

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  2. Schön, dass die Damen nicht in High Heels am Start sind.... Und bei Klippan denke ich an ein Sofa von IKEA

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