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Montag, 14. November 2011

Bertones Lamborghini Athon (1980)

Der Turiner Karosserie-Zampano Nuccio Bertone baute 1980 einen Lamborghini, der weder mit Seitenscheiben noch Verdeck ausgestattet war. Auch Rückspiegel und Scheibenwischer suchte man beim Athon vergeblich. Der "nahezu vollständige Kontakt mit der Natur" sollte dem Fahrer "das Gefühl vermitteln selbst zu rennen". Selber rennen durfte der grösste Teil der Menschheit ohnehin weiterhin, denn bei lediglich einem gebauten fahrfähigen Expemplar reduzierte sich der Kreis der in-den-Genuss-Kommenden auf ein paar Journalisten.





Chassis, Motor und Getriebe des Bertone-Lamborghinis stammten aus dem 2+2-Sitzer Urraco 3000 (Bild unten, 1977): 3 Liter Hubraum, 8 Zylinder, vier obenliegende Nockenwellen, vier Weber-Doppelvergaser und 265 PS.



 

Einzelradaufhängung, turbinenartige Felgen aus einer Magnesiumlegierung, grosszügig dimensionierte Reifen (vorne 195/50 VR 15, hinten 285/40 VR 15) und Stabilisatoren sicherten den optimalen Bodenkontakt. Die Sicherung der Verwirklichung dieses Konzeptfahrzeugs hingegen gestaltete sich etwas aufwändiger: "20 000 Arbeitsstunden und 250 Millionen Lire kostete uns dieser Spass, der den Einfallsreichtum der Carozzeria Bertone unter Beweis stellen soll", so der Chef. Auch wenn wir uns alle erinnern: Bei der Lira musste man immer grosszügig unfassbar viele Nullen wegstreichen, um sich irgendwas darunter vorstellen zu können.


Das futuristisch anmutende Armaturenbrett erinnert uns ein wenig an den Aston Martin Lagonda S2. Aber nur ein wenig. Die Lichtpunkte zeigten für jeden Gang die jeweilige Drehzahl an, die Geschwindigkeit wurde digital eingeblendet (--> 000, rot). Temperatur, Elektrik und Tankinhalt wurden über Säulen aus Halbleiter-Elementen angegeben (rechts, grün). Der Athon war eines der ersten Autos mit integriertem Bordcomputer.


Die 40-Watt-Dreiweglautsprecher verflossen nicht wirklich mit der Tür, aber die ganze Verfliesserei von heute ist doch sowieso überbewertet. Klare Grenzen, Ecken, Kanten - leider Fremdwörter für die moderne Autoindustrie. Das Leder stammte übrigens von der Firma Cristina aus Bergamo - wer kennt sie nicht... Zum Beispiel Google.


Die Kotflügel wurden in Handarbeit aus einem Stück Stahl gefertigt. Perfekt passend dazu: Die reizenden Science-Fiction-Blinker.



Der Innenraum selbstverständlich ebenfalls aus feinstem Cristina-Leder - ein Material, das sich bei Autos, die sich nicht schliessen lassen und jeder Witterung ausgesetzt sind, nur bedingt aufdrängt. Damals hatten selbst Supersportwagen nur 5 Gänge, heute meint jeder motorisierte Einkaufswagen, 6 zu benötigen. Dafür sportwagentypisch der erste Gang unten links, um den Schaltweg zwischen den viel relevanteren Gänge 2 und 3 zu verkürzen (der erste Gang ist im Rennsport unbrauchbar, wenn ich mich nicht irre - was mir allerdings jederzeit passieren kann).  Unten rechts im Bild die Entriegelungshebel für Tankdeckel und Kofferraum (bzw. Motor in diesem Fall).


Kluge Köpfe schützen sich. Besonders, wenn ein offener Spider weder Kopfstützen noch Überrollbügel bietet (es entzieht sich meiner Erkenntnis, ob das viereckige Ding hinter dem Fahrersitz eine ausfahrbare Überrollfunktion oder den Tankdeckel darstellte). Helm, oben ohne und Klimaanlage - die ultimative Sportwagenmischung.

Bertone stellte den Athon auf eigene Initiative her, um Lamborghini zu unterstützen. Das Unternehmen befand sich seit 1972 in ärgsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten und war 1977 bis 1984 bankrott. Bertone wollte das Sportwagenhaus "nicht sterben sehen". Nachhaltigen Einfluss auf die späteren Erfolgsmodelle hatte die nie für die Serienproduktion vorgesehene Studie Athon allerdings nicht.

Kommentare:

  1. Ist das eine hässliche Schüssel. Dabei hat Bertone doch einige richtig gute Autos auf die Räder gestellt.

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